SYBILLE PROKSCH
Künstlerin

MALEREI

Stile und Themen sind vielfältig in der Malerei von Sybille Proksch. Gemeinsam ist den Bildern die intensive Farbigkeit, die ihr gesamtes Werk prägt. Auch bleibt die Künstlerin in der Malerei einer Technik verhaftet: sämtliche Arbeiten sind in Acrylfarbe auf Leinwand oder Papier.


Landschaften, Architektur und das spezielle Feld der Fensterbilder stellen das Themenrepertoire der Gemälde auf Leinwand dar. Das weite Gebiet der abstrakten Malerei verlässt die Motivvorlage, nicht aber den Stil. Auch diese Bilder leben von der starken, expressiven Farbigkeit und der gestischen Malweise, die ihre Wirkung auf den Betrachter ausübt. Die Bildideen verarbeitet Sybille Proksch zu groß- und kleinformatigen Gemälden, die Unikate bleiben oder zu Serien kombiniert sind, wobei sie das Bild als Einzelstück bestehen lässt, die Idee jedoch variiert wiedergibt.





Ein Beispiel für diese Arbeitsweise sind die von ihr bekannten Fensterbilder, die einen Ausblick auf Landschaften und/oder Architektur erlauben, wobei der Übergang von Innen nach Außen für die Künstlerin als Ausdruck von Freiheit verstanden wird. Ein solches Werk aus dem Jahr 2002 stellt den Ausblick auf eine Zugbrücke dar. Aus diesen Fensterbildern entwickelte die Künstlerin abstrakte Farbräume, also reine Malerei, die Raumtiefe bildet, ohne perspektivisch gegenständlich zu sein. Abstrakte gestische Farbfelder erhalten durch den Titel einen Hinweis auf eine Lesart. Die großformatigen Bilder (100 x 105 cm) heißen z.B. „Werkstatt im Feuer“, „Brennendes Schiff“ und „Gardinen im Wind“. Ein abstraktes Fensterbild aus dem Jahr 2004 zeigt kraftvolle Einschnitte in Prokschs charakteristischem Ultramarinblau, die so überzeugend von schöpferischer Energie strotzen, dass sie unkorrigiert blieben, kein weiterer Strich war nötig.


Neben diesen abstrakten Arbeiten zeigt Sybille Proksch konkrete Landschaften wie die „Pompeijanische Vision“. Das Landschaftsbild gibt den Vulkan am Golf von Neapel wieder. Die Vision ruft die fatale Eruption in Erinnerung. Doch nicht die Ruinen von Pompeij machen die Gewalt des Ausbruchs deutlich, sondern die explosive Farbigkeit. Die „Geysire“ hingegen geben keine konkreten topographisch korrekten Naturausschnitte wieder. Andere Landschaften sind nach dem Erlebnis von Wetter gestaltet, so ein monsunartiger „Starkregen im Sommer“ und „Aufheiterung nach einem Gewitter“ oder die sonnige „Landschaft von Murnau“. Wie die traditionelle Landschaftsmalerei der Kunstgeschichte bringt es eine Stimmung zum Ausdruck, in letzterem Fall die Ruhe und Heiterkeit, die die Künstlerin während ihrer Wanderungen in der Natur erlebte. Das große Seestück „Wildes Wasser“ist ebenfalls ein klassisches konkretes Landschaftsbild. Die „Zollernburg“ lässt sich gut erkennen, doch vorrangig ist die Stimmung eines heißen Sommertages mit den gleißendem Farbtönen des Sonnenlichtes.





Schließlich wird selbst die amerikanische Architektur in der Malerei von Sybille Proksch aus ihrer Monotonie gerissen. Es sind Stadtlandschaften in verfremdeten Farben. Die „Manhattan Docks“ sind eben nicht die Steinwüsten am Hudson River, sondern pulsierende Farbfelder, die die Energie geladene Atmosphäre der Millionenstadt transportiert. Die „Twin Towers“, heute berühmt aufgrund ihrer Zerstörung durch den Terroranschlag vom 11. September 2001. Proksch zeigt sie am Vortag des Attentats noch schimmernd in zarten Gelb- und Rosatönen.




Die abstrakten Bilder geben ebenso Stimmungen wieder sowie den persönlichen Duktus und Gestik in einer momentanen Situation. Fröhliche, dynamische Farbkompositionen setzen keine Akzente, sondern sind vielmehr schwebende Züge eines freien Lebensgefühls. Doch sie wechseln mit düsteren Farben und aggressiven Formen.


Die Kalligraphien auf Papier nennt Sybille Proksch Skripte. Sie sind abstrahiert von arabischen Kalligraphien, die bereits in früheren Leinwandbildern aus den 80er Jahren aufgrund ihrer Faszination durch den Orient eingearbeitet wurden. Von 1982 bis 1985 erstellte Proksch in einer Art Palimpsest Schriftbilder, damals noch in Ei-Tempera. Diese „Verdichtungen“ gaben die Illusion von Tiefe in der Fläche. 2011 nahm sie diese Motive wieder auf, doch sind die Skripte heute deutlich heller. Die neuen Arbeiten sind kleinformatige Reihen in Acryl oder Aquarell auf Papier. Sie sind in Rechtecken ohne Rahmen nicht blattfüllend frei angeordnet, teilweise farbig hinterlegt. Die farbigen Pseudoschriftzüge geben Stimmungen wieder sowie den persönlichen Duktus und Gestik in einer momentanen Situation, es häufen sich Eindrücke von Blumen, Feuerwerk, Blätter u.a.. Die neuen Skripte sind fröhliche, dynamische Schriftkompositionen ohne Akzente, vielmehr schwebende Züge eines freien Lebensgefühls, konzentriert dichter oder lockerer, Kreise oder Bogenmuster.





Sybille Proksch thematisiert die Gestaltung durch Farbe, bei der manche Arbeiten teilweise grundsichtig sind. Das heißt, dass die Farbe nicht komplett den Malgrund bedeckt, sondern mit ihm kontrastiert, so dass der einzelne Strich sichtbar bleibt und damit die Gestaltung im Malprozess verbildlicht wird. Sie kreiert so mit einer großen Spannweite der gestalterischen Mittel ihre eigene Welt zwischen Realität und Abstraktion. Dabei legt sie die Betonung gerade nicht auf dem Aspekt der speziell weiblichen Kreativität. So zeigt Proksch in ihrer kräftigen, auch lauten, dynamischen Farbigkeit nicht unbedingt feminine Charakteristika, die aber treten in ihrer neuen transparenten federleichten Malerei dazu.

Text: Sabine Poeschel